20. Juni 2009

Boogie Bude

22:00 » Mancuso, Tübingen

Erinnerst Du Dich? // Episode 6

Der Abend an dem Du Dich vollkommen fallen lässt, weil Du weisst, dass die Menschen um Dich herum auf Dich aufpassen und Dich mittragen; der Abend an dem Du allen Stress, allen Ärger, alle Wut von Dir tanzt; der Abend, der Dir wahrlich heftige Gefühle und ein unglaubliches Wohlgefühl beschert; dieser Abend muss nicht erst erfunden werden …

Ist es nicht lustig, dass ausgerechnet DJ Westbam in jenen Tanzschuppen kommt, der anstelle des alt-ehrwürdigen Depots an der Reutlinger Straße steht?

Dort, wo einst die Underground-Szene bis in die frühen Morgenstunden gefeiert hat und legendäre Abende mit DJs wie 4 Hero, DJ Hell oder Joe Clausell erlebt hat.

Oh, Du willst wissen, was das mit „Boogie Bude“ zu tun hat?

Alles übertriebene, sentimentale Erinnerungen?

Nun, Du wirst uns zustimmen, dass sich das Tübinger Nachtleben und Ausgehverhalten in den letzten Jahren ein wenig geändert hat. Fast scheint es, als ob wir Tübinger einem „Partyzwang“ unterliegen, der von uns verlangt, dass wir sofort bei Ankunft in heftigste Partyexzesse verfallen.

Ständig rufen wir uns Bilder vergangener Zeiten ins Gedächtnis. Stellen uns vor, wie cool die Abende im Depot waren und nehmen uns vor, dieses Wochenende endlich mal wieder zu feiern, wie früher.

Wenn wir dann aber mal etwas früher eintreffen und die Party noch gemütlich vor sich hin brodelt, sind wir natürlich enttäuscht, verfluchen das „tote“ Tübingen und schwupps … schon sind wir auf der Suche nach der nächsten Location. Irgendwo in Tübingen muss doch was gehen?!

Ganz ehrlich, uns geht das immer öfters so. Aber zurück zu Maximilian Lenz aka. Westbam. Der besuchte unsere studentische Kleinstadt zum ersten Mal vor 15 Jahren.
Zwei junge Reutlinger Veranstalter, die dem Anfang der Neunziger aufkommenden Technofieber verfallen waren, hatten Westbam nämlich nach Tübingen geholt.
Kurz zuvor hatte MB einen der beiden Reutlinger kennengelernt und wie der Zufall es so wollte, wurde er zwei Wochen vor dem Event gefragt, ob er an diesem Abend nicht auflegen möchte. Und genau an diesem Punkt beginnt diese Geschichte:

Mythos „Underground“ — ein Augenzeugenbericht

Natürlich habe ich ja gesagt, denn was gibt es für einen jungen DJ tolleres, als auf einem „großen“ Rave aufzulegen, zumal wenn DJ Westbam der Headliner ist?

Nun, ganz unter uns: es war ein völlig unspektakulärer Auftritt. Ich legte nämlich gleich zu Beginn für ca. anderthalb Stunden auf, während auf der Tanzfläche noch Leitern standen, Roadies die letzten Scheinwerfer montierten und ganz allmählich die ersten Gäste eintrudelten.

Kurz um: mit Ausnahme meiner anwesenden Freunde haben die meisten Besucher gar nicht mitbekommen, dass ich aufgelegt habe. Dennoch war dieser Abend eine wertvolle Lektion.

Denn nun konnte ich in Ruhe den ganzen Abend genießen.

Was mich an diesem Abend völlig überrascht hat, war die unglaublich intensive Stimmung. Im Gegensatz zu all den anderen Studi-Mensa-Parties lief genau die Musik, die alle Anwesenden hören wollten. Zudem brachte Westbam es fertig, uns alle geradezu in seinen Sound hineinzusaugen und sorgte so dafür, dass wir sprichwörtlich für ein paar Stunden Raum und Zeit verloren.

Klar: meine sämtlichen Freunde und Bekannten waren auch anwesend, was natürlich für eine gewisse Grundstimmung sorgte. Aber ganz ehrlich: dass alle Anwesenden sich von dieser Stimmung anstecken ließen, hätte ich bei einem solchen Event in der Mensa Morgenstelle nicht erwartet. Eines aber war klar …

Rebellen sind eben auch in Mitten der Masse anders

An diesem Abend bin ich mir jenem rebellischen Gefühl bewusst geworden, das in der aufkeimenden House- und Technoszene besonders vorherrschte. Anderssein als die große Masse, zusammen mit den anderen Gleichgesinnten aus dem Alltag ausbrechen. Wir waren sprichwörtlich eine kleine eingeschworene Gemeinde und selbst auf einem größeren Rave mit Westbam in der Mensa Morgenstelle war dieses Gefühl vorhanden. Es war zu schön, um wahr zu sein.

Wir haben oft und lange darüber nachgedacht, wie dieses Gefühl eigentlich zustande kommt und warum ausgerechnet die moderne (elektronische) Clubszene so gut darin ist, dieses Bewustsein zu erzeugen.

Montag für Montag, Woche für Woche das selbe rebellische Gefühl

Nach mehr als fünfzehn Jahren auflegen, wissen wir, dass es an der Offenheit liegt, die dieser Szene zu Grunde liegt.

Auch bzw. gerade als DJ in dieser Szene ziehst Du eben nicht nur Dein Ding durch. Auflegen nach Schema Top 10 - also zwei Stücke spielen, eine dämliche Ansage machen und dann wieder zwei Stücke auflegen — gab und gibt es bei uns nicht. Du nimmst stattdessen die Vibes des Publikums auf. Gibst ihnen so die Möglichkeit sich zu entspannen, gemeinsam mit den anderen in Fahrt zu kommen, sich auszudrücken und sich somit im Geschehen wiederzufinden.

Von 1995-2005 sollte sich dieses Gefühl und dieses Erlebnis immer wieder ergeben. 1995 starteten wir im Jazzkeller unseren Montagabend-Club „bag of goodies“, wo wir Woche für Woche auflegten und unsere Vorstellung eines perfekten Clubabends umsetzten.

Du glaubst gar nicht, wie viele unserer Freunde und Bekannten uns für verrückt hielten, als wir Ihnen von unserer Idee erzählten, einen wöchentlichen Abend an einem Montag zu starten. Aber hey … der Erfolg gab uns recht. Unser Publikum tanzte stets aus vollem Herzen; selbst zu obskuren Jazz-Nummern, was man sich im Nachhinein so gar nicht mehr vorstellen kann. In diesen Momenten war es eben wieder da, dieses Gefühl: raus aus dem Alltagstrott, Anderssein, gemeinsam etwas besonderes aus dem Abend machen. Wie genau das war, willst Du wissen?

Wir wiederholen gerne jenes berühmte Zitat von Klaus Stockhausen: so eine Nacht ist wie extrem guter Sex. Du feierst zusammen mit Menschen, die sich auf ein langes Vorspiel einlassen können … gefolgt von heftigsten Exzessen und möglichst viel multiplen Orgasmen. Das Ganze dann bitte gleich nochmal von vorn … und am Ende gehst Du eben nicht nur angetrunken nach Hause, sondern berauscht, befreit und glücklich zugleich.

Bürojob hin, Hausarbeit her — wir sind eben expressive Personen auf der Suche nach uns selbst.

Je eher und besser wir uns ausleben können, desto besser kommen wir mit den Widrigkeiten dieser Welt zurecht. Die neue House- und Technowelt lieferte damals genau den Rahmen und Raum, dies ausleben zu können. Fragt sich nur …

Ist das heute auch noch so? Und gilt das nicht nur für euch eingefleischte DJs?

Eine weitere bleibende Erkenntnis hat die Clubgemeinschaft ganz schnell gelernt: die Tatsache, dass man nicht immer mit seinen Freunden weggehen muss, um Spaß zu haben.

Aber auch begeisterte Tänzerinnen, die aus einem anderen Umfeld kommend gerade erst in unsere Szene hineinschnupperten, erlebten die gleiche Situation.

Ja, selbst Rockerinnen erkannten, warum sie im Depot besser tanzen und feiern konnten

Ich erinnere mich an eine Soziologie-Studentin, die mich zu einem Interview eingeladen hat. Sie kam ursprünglich vom Rock und war seit wenigen Wochen enorm von den House-Abenden im Depot begeistert. Sie wollte herausfinden, was daran so besonders war und im Gemeinsamen Gespräch, stellte Sie dann fest, dass es vor allem der gegenseitige Umgang der Anwesenden ist, der sie so beeindruckt.

„Das schöne am Depot ist,“ meinte sie, „dass Du auch alleine völlig ungezwungen dorthin gehen kannst. Dort brauchst Du keine Angst haben, dumm angemacht zu werden. Im Gegenteil … alle sind extrem ins Tanzen vertieft und dennoch ergeben sich tolle neue Bekanntschaften.“

Zurück in die Zukunft: wir feiern immer noch!

Ob das auch auf der Professorennacht möglich ist, auf der Westbam in diesen Tage ja erneut auflegt, mag ich dann doch zu bezweifeln.

Nicht, dass es nicht äußerst interessant ist, seine Professoren mal auflegen zu hören. Aber kannst Du dort allen Alltagsstress und Deine Sorgen von Dir tanzen? Gehen die Anderen dorthin, um gemeinsam mit Dir zu feiern?

Schluß mit Partyzwang! Wir feiern wieder so, wie wir es tun sollten

An Silvester 2008 dachten wir uns, ein neues Jahr verlangt nach neuen Vorsätzen. Also sind wir mit gutem Beispiel vorangegangen. Seit Samstag, den 17. Januar sind wir wieder mit einem eigenen Clubabend am Start: „Boogie Bude“.

So können wir Tübingen um einen weiteren Clubabend bereichern und gleichzeitig Deine Vorstellung eines wirklich guten Clubabend verwirklichen.

Ein Abend ohne „Trinkt mehr Bier“-Ansagen und nervigen Möchtegern-MC. Stattdessen legen wir sechs Stunden lang genau die Musik auf, die Du hören willst: House, Boogie Beats, Edits und eine Prise Techstep.

So aufgelegt, dass Du langsam aber unweigerlich mitgerissen wirst und Dich früher oder später auf der Tanzfläche wiederfindest — zusammen mit all den anderen gleichgesinnten Boogie-Gangstern.

Am Samstag, den 20. Juni aber sind wir wieder mit Boogie Bude am Start: Noch nicht wöchentlich, aber einmal im Monat im Mancuso.

… Moment, wir haben da noch was für Dich!

Letzten Monat haben wir spontan ein paar befreundete Boogie-Gangster zu uns nach Hause eingeladen, vier Stunden lang die Turntable gerockt und das Ganze live ins Internet gestreamt.

Natürlich haben wir das ganze für Dich aufgezeichnet. So bekommst Du auch gleich einen Vorgeschmack darauf, was Dich kommenden Samstag erwartet.

Also folge dem Link, schau Dir in Ruhe die Aufzeichnung des Livestreams an und vergiss nicht, ganz nach unten zu scrollen … denn dort wartet eine kleine Überraschung auf Dich! Hier also geht's zum „A Dub Disco Disaster Livestream“.


Tags für diesen Eintrag: boogie, edits, house, techstep

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bag of goodies ist ein Clubabend, der von den beiden in Tübingen wohnhaften DJs Emanuela De Luca und Marc Bohlmann veranstaltet wird. Natürlich gibt es noch mehr über bag of goodies zu sagen.

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